Nählust - Die Spiellust Kostümwerkstatt

Fotos: Sven Orth

Es begann wohl alles mit 20 Umzugskartons, die sich - gefüllt mit allerlei fantastischen Dingen - auf den Weg von Izmir/Türkei nach Michelstadt im Odenwald machten. Zusätzlich wurde aus allen Ecken

Deutschlands weitere türkische Importware (Reifröcke, Moosgummiplatten,

Fliegengitter...) in die eigens eingerichtete Nähwerkstatt in der Erbacher

Straße gekarrt. Dorthin hatte die Spiellust interessierte Nähbegeisterte mit und ohne Vorkenntnisse eingeladen, um unter Anleitung des Kostümbildnerteams Jörn Fröhlich und Cansu Incesu und Werkstattleiterin Lili Hillerich an mehreren Workshopwochenenden die komplette Ausstattung für die neue Freilichtproduktion "ALICE" zu fertigen.

 

Und schon standen die ersten Nähbegeisterten in den Startlöchern. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur ein kleines Problem: Das Stück wollte erst noch geschrieben werden...- Dies hinderte uns jedoch nicht daran, umgehend Nadel und Faden in die Hand zu nehmen und uns in die Entwürfe für drei

Charaktere aus "Alice im Wunderland" zu stürzen. Nach einem ersten, äußerst produktiven Nähwochenende in fröhlicher Teegesellschaftsatmosphäre bildete die Krönung ein wunderbares Fotoshooting im Stadtgarten, bei dem sich unsere Schneiderlein in echte Herzköniginnen, verrückte Hutmacher und natürlich Alice, Alice und nochmal Alice verwandelten. Befremdliche und belustigte Blicke von

Sonntagsspaziergängern blieben da nicht aus.

 

In den folgenden Monaten nahmen parallel zum Stücktext auch die anderen Kostüme Formen an. Dies geschah nun in einer neuen, geräumigen Unterkunft in der Bahnhofstraße, die uns dankenswerter Weise von den

„Drei Hasen“ zur Verfügung gestellt wurde. In reger Absprache mit der Regie wurde für jede Rolle ein individuelles Design entwickelt. Die Umsetzung und Gestaltung übernahmen dann unsere fabelhaften Schneiderinnen, die mit nie enden wollender Motivation und Mühe teilweise bis tief in die Nacht mit uns nähten und werkelten. Gut, dass es der engagierten Nähgesellschaft wirklich nie an gemütlichkeitsförderndem Mitbringkuchen mangelte. Jörn und Cansu, stets eigens aus der Türkei zu den Workshops angereist, verteilten beim Abschied stets mit Freude „Nähhausaufgaben“ - damit die Zwischenzeit auch bestimmt nicht langweilig werden würde.

 

So arbeiteten wir mit Hochdruck auf den 15. Juni 2018 hin, an dem die erste große Kostümprobe mit allen 21 Schauspieler*innen und nahezu 100 Kostümen stattfand. Die lief so gut, dass Jörn sich zu der Aussage hinreißen ließ: „Also, wenn morgen Premiere wäre, würde ich mir auch keine Sorgen machen.“ - Doch komischerweise wartete auch danach noch jede Menge

Arbeit auf uns: 17 Raupenkappen da, 5 Schrumpfkleider hier, Umbesetzung neu beschneidern dort - das bringt so eine große Mehrfachbesetzung eben mit sich.

 

Ein letzter Umzug führte uns schließlich ins Wehrmannhaus, unsere Einsatzzentrale für Endproben und Aufführungen. Ein letzter Großtransport, eine letzte Anpassung von Nähtischen und Stoffregalen, die Produktionsleiter Roger Tietz und sein Helferteam über die Bühne brachten.

Als An- und Umkleide während der Aufführungen ist das Wehrmannhaus durch seine unmittelbare Nähe zum Stadtgarten geradezu prädestiniert. Ein Helferteam von 6-8 Schneiderinnen sorgt außerdem bei jeder Vorstellung dafür, dass alles richtig sitzt und schafft Abhilfe bei Rissen und verlorenen Knöpfen. Und ganz bestimmt hat für die kurzen Pausen irgendjemand Kuchen mitgebracht - den haben sich alle Teilnehmerinnen unserer produktiven Teegesellschaft mehr als verdient!

 

Lili Hillerich, Werkstattleitung Kostüm

Fotos: Sven Orth

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