2010: Cyrano im Stadthaus Michelstadt

Freilichtinszenierung nach "Cyrano de Bergerac" von Edmond Rostand

03.06.-06.06. und 10.06.-13.06.2010

 

Bis heute ist die fünfaktige Verskomödie „Cyrano de Bergerac“ das meistgespielte Bühnenstück in Frankreich. Edmond Rostand erreichte mit seinem Werk Weltruhm und machte den fechtenden Dichter aus dem 17. Jahrhundert zum Nationalhelden. Rostands berühmtestes Werk liegt der Lebensgeschichte des Gascogner Dichters, Philosophen, Soldat, Haudegen und Phantast Cyrano de Bergerac zu Grunde, der von 1619-1655 in Paris lebte und wirkte. Cyrano fiel zur damaligen Zeit nicht nur durch sein grotesk wirkendes Äußeres auf, sondern vor allem durch sein utopisches Meisterwerk: „Die Reise zum Mond“, das in die französische Literaturgeschichte ein ging. Edmond Rostand war von seinem Werk anfänglich nicht begeistert und warnte den Theaterdirektor vor der Premiere, dass es wohl das größte Fiasko des Jahres werden würde. Das wurde es nicht.

 

Cyrano des Bergerac ist eine bunte Komödie, die sich dem regen Treiben auf den Pariser Straße im 17. Jahrhundert anpasst und jedes Publikum in seinen Bann zieht.

                                                

Cyrano ist ein Haudegen erster Klasse. Er erledigt gut und gerne 100 Mann auf einen Streich. Doch der Draufgänger ist schüchtern und um seine überlange Nase verlegen. Diesen Komplex versucht er durch Fechtkämpfe und seinen geistvollen Humor, durch Schwert und Feder gleichermaßen, zu kaschieren. Hinter der Maske des charmanten Haudegens verbirgt sich nämlich eine sensible Dichterseele, die sich bedingungslos in das schöne Mädchen Roxanne verliebt. Jedoch gibt Cyrano nicht nur aufgrund seines missgestalteten Äußeren die Hoffnung auf: Roxanne liebt einen anderen. Den jungen, geistlosen aber gut aussehenden Soldaten Christian. Drei weitere Dinge geschehen, die das Leid Cyranos vollkommen zu machen scheinen: Zum Einen bittet Roxanne ihn auf Christian aufzupassen, da sie im selben Regiment dienen. Zum Zweiten bittet der schriftstellerisch unbegabte Christian Cyrano um Hilfe bei dem Verfassen von Briefen, die er Roxanne schicken soll. Und schließlich existiert noch ein dritter Nebenbuhler, der verheiratete Adelige Graf Guiche, der sein Auge nicht von der schönen Roxanne lassen kann. So lebt Cyrano seine Liebe zu seiner Angebeteten heimliche in den schönsten Liebesbriefen aus, von denen sie ganz hingerissen ist. Gerade diese Verse sind jedoch der Anlass, dass der angebliche Verfasser, der ungebildete Christian, die Hand der Schönen bekommt. In Zorn über diese Verbindung sendet Graf Guiche Christian und Cyrano in den Krieg. Cyrano schreibt derweil an der Front Dutzende Briefe an seine Roxanne und bringt sie unter Lebensgefahr über die Grenze. In einer Unterredung mit Christian gesteht seine Frau ihm, dass sie ihn auch lieben würde, wenn er von hässlichem Aussehen wäre. Daraufhin fordert Christian Cyrano auf, ihr die Wahrheit zu sagen, um sie vor die Entscheidung zu stellen. Doch bevor Cyrano sich als der eigentliche Verfasser der Liebesbriefe zu erkennen geben kann, wird Christian tödlich verletzt. So vergehen die Jahre in denen Roxanne um ihren Geliebten trauert, ständig in der Begleitung ihres Freundes Cyrano, der ihr beisteht.  Als er eines Tages, schwer von einem Feind verletzt, in Roxanes Armen stirbt, gesteht er ihr seine Liebe und spricht die Schlusszeilen aus dem letzten Liebesbrief von Christian. Da erkennt Roxane, dass sie in der Gestalt Christians stets Cyranos Geist geliebt hat.

 

Angela Koljov im Odenwälder Echo am 08. Juni 2010:

"Springlebendig, aber ungemein schüchtern zeigt sich der junge Cyrano in dem neuen Stück des Theaterteams Spieltrieb. Nicht immer einverstanden mit dem Geschehen auf der Bühne ist jener alte Cyrano, der sein Leben nun mit einiger Distanz betrachten kann. 

 

War Cyrano de Bergerac etwa ein Michelstädter? Taucht doch der kampfstarke Philosoph wie auch romantische Schwärmer plötzlich am Bienentor und anderen Plätzen der Altstadt auf. Dorthin verlegt das Odenwälder Theaterteam Spieltrieb (Abteilung Spiellust) das von Edmond Rostand geschriebene Drama mit Hang zur Komödie.

 

Ein begeistertes Premierenpublikum feierte im Innenhof des Michelstädter Stadthauses die berühmte Geschichte um Cyrano, der unsterblich in seine Cousine Roxanne verliebt ist, sich aber nicht traut, ihr seine Liebe zu gestehen. Aus Angst vor Spott. Doch keine Sorge: Dieser kleine Ortswechsel in den Odenwald kann den von Rostand verfassten gehaltvollen Versen nichts anhaben.

 

Bekanntlich verfügt Cyrano über ungewöhnliche poetische Fähigkeiten, von denen sich Damen gern betören lassen. Doch leidet er unter seiner viel zu großen Nase. Als Roxanne (Franziska Lahmeyer) ihm eines Tages erzählt, dass sie sich in den hübschen, aber dümmlichen Christian de Neuvillette (Manuel Seifert) verliebt hat, hilft ihm Cyrano dabei, die romantischen Ansprüche der Angebeteten zu befriedigen. Indem er an Neuvillettes Stelle poetische Briefe an Roxanne schreibt. Doch ein Drama wäre kein Drama ohne Intrigen. Diese führen schlussendlich zum tragischen Ende der Geschichte.

 

Das Stück aus dem Jahr 1897 haben Veronique Hofmann, Theresa Nussbauer-Tietz, Tina Rudolph und Roger Tietz erfrischend bearbeitet, es aber bei der durchgehende Versform belassen. Der Anstoß dazu kam von Theresa Nussbauer-Tietz: Sie sah vor beinahe 20 Jahren eine Filmfassung mit Gérard Depardieu.

 

Was allerdings kaum bekannt ist: Cyrano de Bergerac gab es wirklich, 1619 in Paris geboren, wuchs der Junge aus gutem Hause bei einem Dorfpfarrer auf, studierte zusammen mit Molière Philosophie, kämpfte als Soldat bei den Gascogner Garden und gilt mit seinem literarischen Werk als ein Vorläufer der Aufklärung. 

Beeindruckend die Leistung von Simon Joshua Merz in der Rolle des jungen Cyrano, der zeitgleich zu den Aufführungen sein mündliches Abitur absolviert. Von den Regisseuren Matthias Trumpfheller und Tina Rudolph herrlich in Szene gesetzt: Roger Tietz mit blutverschmiertem Kopfverband als alter Cyrano, stets mit dem Missmutigen (Rocco Brück) an seiner Seite. Beide verfolgen von einem Podest an der Bühnenseite das Geschehen, lassen Mimik spielen, zeigen Emotionen, werfen aus dem Jenseits Kommentare ins Spiel, wenn ihnen etwas nicht passt. Das ist herrlich anzusehen.

 

Doch nicht nur die beiden Stimmen aus dem Jenseits greifen kommentierend ein, auch die Trumpfhellers und Dingeldeins im Publikum hält es nicht auf den Plätzen. ,,Weil sie das Sprachrohr des echten Zuschauers sind", erklärt Regisseur Matthias Trumpfheller, ,,außerdem stellen sie eine Verbindung zur heutigen Zeit her." Akteur und Zimmermann Roger Tietz hat wieder mit seinen Helfern für ein beeindruckendes Bühnenbild gesorgt, davor agierten die Darsteller in prächtigen Kostümen und mit aufwendiger Maske. Allein die altertümliche und somit oftmals schwierig zu verstehende Versform des Textes zwang das Publikum, sich durchgehend zu konzentrieren. Doch nur so kann die poetische Sprache eines Cyranos wirken: ,,Dies Gut, dieses Gut, mein Wappenschild, es ist die Liebe."

 

In nur drei Monaten brachten die Schauspieler, alle mit reichlich Theatererfahrung, das Stück auf die Freilichtbühne. Es ist Unterhaltung im besten Sinne, lässt den moralischen Zeigefinger auf halber Höhe und zeigt, dass diese alten Sachen bei entsprechender Bearbeitung durchaus in jede Zeit passen." 

 

 

Ort: Stadthaus Michelstadt 

Regie: Matthias Trumpfheller, Tina Rudolph

Textfassung: Theresa Nussbauer-Tietz, Veronique Hofmann, Tina Rudolph

Musikalische Leitung: Klaus Ripper

Maskenbild: Katharina Keller

Produktion und Bühne: Roger Tietz 

Cyrano - Flyer 2010
Flyer_cyr_END.pdf
Adobe Acrobat Dokument 961.5 KB
Cyrano - Programmheft 2010
programmheft_cyrano.pdf
Adobe Acrobat Dokument 8.8 MB

Letze Aktualisierung: 

11. Juli 2017

Wir sind Mitglied im